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Mensch im Fokus

Dieser Beitrag ist Teil des Dialogs zwischen Markus Stelzmann vom Playground und Leon Frädrich aus der Generation-Z


Lieber Markus,

Vielen Dank für deine Meinung, dein Feedback und deine Bemühungen.

Ich denke, dass wir uns zumindest in einem Punkt einig sind: So wie es ist kann es nicht weiter gehen.


Die Frage, die wir uns jetzt stellen sollten, lautet daher: Was können – oder vielmehr: was MÜSSEN -wir tun, damit der Weg zur Arbeit der Zukunft gelingt und damit die Menschen ein angenehmes Leben führen können, ohne dabei den Planeten irreversibel zu schädigen.

Ich halte es daher für weniger sinnvoll auf Seitenhiebe zu setzen, sondern die Herausforderungen ernsthaft anzupacken, auch wenn ich es mir ungern nehmen lasse, Witze über dein 2,5 Tonnen SUV mit Alibi-Batterie und 200 Metern elektrischer Reichweite zu machen. Die Vorteile des E-Kennzeichens für deine Kfz-Steuer und Parkplatzsuche dürften wohl größer sein als die für die Umwelt. Die Öko-Nummer nehme ich dir daher nicht so ganz ab.


Aber zurück zum eigentlichen Thema: Bei der Planung der zukünftigen Arbeitswelt fällt mir eine Erkenntnis aus der Innovationsforschung ein. Es ist unfassbar schwer vorherzusagen, welche Trends und Entwicklungen sich durchsetzen werden. Der Mensch ist unglaublich schlecht darin, sich abstrakte und weit entfernte Zukunftsszenarien vorzustellen. Auch die Retrospektive ist hier keine große Hilfe. Das gilt sowohl am Aktienmarkt als auch für die Organisationsentwicklung. Nur weil etwas in der Vergangenheit gut gelaufen ist, heißt das noch lange nicht, dass es auch in Zukunft so sein wird oder dass sich keine besseren Alternativen ergeben könnten. Daher finde ich es absolut lobens- und lohnenswert, sich intensiv mit der Materie zu beschäftigen und verschiedene Modelle, gerne auch kontraintuitive oder abstrakte Herangehensweisen zu erforschen.  Ich denke hier an ein Zitat von Henry Ford:


„Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt, schnellere Pferde.“


Damit ist auf den Punkt gebracht, wie abstrakt und unberechenbar die meisten Entwicklungen sind. Viele Prognosen werden sich als hinfällig erweisen, weil sie durch neue Einflüsse und die Erkenntnisse revolutionärer Denker und Macher obsolet werden. Es ist also absolut unvorstellbar, was die Zukunft bringen mag. Sicher ist jedoch, dass es immer kluge Köpfe geben wird, die unnachgiebig auf der Suche nach neuen Wegen für die Gestaltung einer besseren Zukunft forschen und arbeiten werden.


An dieser Stelle möchte ich mich für das von dir entgegengebrachte Vertrauen bedanken. Auch die angesprochene Kompromissbereitschaft halte ich für wichtig und rechne sie dir hoch an. Ich halte Vertrauen besonders in turbulenten Zeiten und unter Unsicherheit für unglaublich wertvoll, gerade wenn es um zwischenmenschliche Interaktionen geht. Vermutlich sind wir an einem Punkt angekommen, an dem für die Zoomer-Generation der sprichwörtliche „Sprung ins kalte Wasser“ ansteht, wohingegen es die Aufgabe der Boomer ist, ihre Kontrolle schrittweise abzugeben und loszulassen. Dieser „Leap of Faith“, wie er in verschiedenen Popkulturellen Werken (Matrix, Assassin’s Creed, etc.) zelebriert wird, ist ein entscheidender Prozess, der Unternehmen in den kommenden Jahren zunehmend beschäftigen wird und letztlich in der Übernahme der Führungskräfte der Zukunft gipfelt. Dieser Schritt benötigt auf beiden Seiten immenses Vertrauen und ich bin zuversichtlich, dass wir uns dieses Vertrauen verdienen werden.


Ich bin der Meinung, dass innerhalb unterschiedlicher Unternehmen zunehmend auf Individualität gesetzt wird und ich begrüße diese Entwicklung sehr. Verschiedene Firmen in verschiedenen Branchen werden immer diversere Formen der Arbeit hervorbringen und so liegt es letztlich bei den Arbeitnehmern zu entscheiden, welche Atmosphäre, welche Benefits und welche Teams am besten zu ihnen passen. Auch die Tätigkeit und das Gewerbe spielen bei der Gestaltung eine entscheidende Rolle. Ich bin überzeugt, dass sich viele neue, menschenfreundliche Modelle zur Arbeitsgestaltung etablieren werden und dass der Fokus auf die Sinnhaftigkeit einer Tätigkeit, den man uns Zoomern so gerne nachsagt, hierbei eine tragende Rolle spielen wird. Auch Menschen, die diesen Weg nicht gehen wollen und eine traditionelle Karriere nach „Boomer-Art“ anstreben, werden sicher nach wie vor genügend Optionen haben, um ihr Glück zu finden.


Das Stichwort Menschlichkeit möchte ich hier noch einmal explizit hervorheben. Mir scheint, dass vor lauter Zahlen und KPIs oft der Mensch beziehungsweise zwischenmenschliche Interaktionen in den Hintergrund geraten und konsequent vernachlässigt werden. Jedoch ist dies in meinen Augen ein schwerwiegender Fehler, da menschliche Interaktionen besonders im digitalen Zeitalter nicht wegzudenken sind und einen großen Teil der Erfahrung, vor allem im B2C, aber auch im B2B Geschäft ausmachen. Hier möchte ich auf Bert Martin Ohnemüller verweisen, der unter dem Motto „Decade of Humanity“ für den Menschen im Mittelpunkt plädiert und sich für die Einführung neuer KPIs wie etwa „Return on Kindness“ stark macht. Manche seiner Aussagen mögen romantisiert erscheinen, jedoch sind sie im Kern völlig korrekt. Außerdem halte ich es für keine Schwäche, wenn Zukunftsvisionen etwas romantisch oder idealistisch daherkommen – Ich halte dies im Gegenteil sogar für notwendig, um ernsthaft umzudenken und signifikante und somit nachhaltige Veränderung zu erwirken.


Außerdem bin ich überzeugt, dass die Generation Z besser ist als ihr Ruf. Die wenigsten von uns sind realitätsfern, faul oder „woke“, auch wenn es auf Twitter gerne mal so aussehen mag. Ich bin zuversichtlich, dass meine Generation eine Bereicherung für den Arbeitsmarkt darstellt und sehr viele positive Veränderungen anstoßen wird – egal ob als Arbeitnehmer oder in einer unternehmerischen Tätigkeit. Es ist an der Zeit zu beweisen, dass wir mehr können als zu meckern. Im Gegenzug würde ich mir aber auch wünschen, dass die Boomer-Generation sich von ihrer besten Seite zeigt und ihren ebenfalls dürftigen Ruf überwindet. Ich bin Zoomer und trotzdem kein linker Online-Aktivist. Genauso wie du als Boomer kein rassistischer Klimaleugner bist. Wir sind mehr als Generationenklischees und für eine Zusammenarbeit ist es von entscheidender Bedeutung, diese abzulegen. Was uns verbindet ist Menschlichkeit. Wenn wir respektvoll und vertrauensvoll miteinander umgehen und die Bedenken und Bedürfnisse des anderen ernstnehmen, können wir eine Menge erreichen.


Wie du völlig richtig erkannt hast, gibt es zur Dissonanz-Auflösung zwei wesentliche Wege: Eine veränderte Einstellung oder eine veränderte Handlung. Ich denke wir sind uns einig, dass unsere Einstellung bezüglich der Situation korrekt ist („Es gibt Veränderung und wir sollten uns mit ihr verändern und wandelbar bleiben“). Wir müssen also eine Dissonanz-Reduktion durch neues Handeln anstreben. Du hattest mich nach konkreten Wünschen oder Handlungsschritten gefragt. Daher habe ich sie hier kompakt zusammengefasst:


  • Gegenseitiges Vertrauen

  • Diskurs auf Augenhöhe, Respekt; Akzeptanz von Ängsten und Wünschen

  • Firmenkultur die Experimente zulässt und fördert Forschung und Trial-and-Error

  • Optimistischer, aber dennoch ernsthafter Blick in die Zukunft (kein Fatalismus!)

  • Mensch im Fokus, wenn die Menschen Wertschätzung erfahren, dann sind sie gerne Mitarbeiter, Käufer, Partner, Macher, etc. und handeln aus Überzeugung. Menschen beteiligen sich aktiv und gerne am Transformationsprozess und empfinden Freude und Sinnhaftigkeit bei der Arbeit


Mit der Konkretisierung und Umsetzung dieser Liste sollten wir vorerst genug zu tun haben. Wie immer interessiert mich deine Meinung, ich glaube jedoch, dass wir mit einer wertschätzenden, demokratischen, experimentierfreudigen, optimistischen und flexiblen Arbeitsatmosphäre schon sehr viel gewonnen haben. Wie du selbst angedeutet hast, sind die Unterschiede zwischen unseren Generationen vermutlich doch gar nicht so groß. Ich bin gespannt, wie wir Boomer und Zoomer weiter zueinander führen können, bleibe jedoch zuversichtlich und setze verstärkt auf offene und verständnisvolle Kommunikation. Mich würde besonders interessieren, wie (beziehungsweise ob) du als Geschäftsführer meine Transformations- oder Umgangsempfehlungen implementieren würdest.


Mit freundlichen Grüßen,

Leon

 


  

                   

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