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Nach Homeoffice kommt Workanywhere

Seit Corona und den damit verbundenen Lockdowns ist das Homeoffice aus unserer Arbeitswelt und Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Viele Unternehmen und Beschäftigte haben ganz unterschiedliche (positive wie negative) Erfahrungen gemacht, sich eine Meinung gebildet und Positionen betoniert. Homeoffice ist mittlerweile ein Buzz-Word, das keinen kalt lässt. Doch bei dem ganzen medialen Hype ums Homeoffice wird eines vergessen: Das vernetzte, kollaborative Arbeiten von Zuhause ist nur ein digitales Teilthema – ein erster, wichtiger Schritt, um mobiles Arbeiten, die Anforderungen an die Arbeitswelt 4.0 und die digitale Transformation erfolgreich zu gestalten. Mit erheblichen Anforderungen und Konsequenzen – sowohl für unsere Gesellschaft als auch für Unternehmen und deren Mitarbeiter.


Homeoffice – Tendenz steigend

Während der Pandemie haben viele Unternehmen ihre zuvor starr zementierten Vorbehalte und Bedenken gegenüber dem Homeoffice weitgehend aufgegeben – und vergessen dabei gerne, dass nicht CEOs oder CTOs die Digitalisierung unserer Gesellschaft deutlich vorangetrieben haben, sondern ein Virus namens COVID-19: Waren es laut einer Studie des IMC Krems in Österreich lediglich 18 Prozent der Beschäftigten, die vor Corona die Möglichkeit zum Homeoffice nutzen konnten, stieg dieser Wert in der Krise auf 38 Prozent. In derselben Studie konnten sich 80 Prozent der Erwerbstätigen und ungefähr 50 Prozent der Unternehmen auch nach dem Lockdown vorstellen, in der Zukunft verstärkt im Homeoffice zu arbeiten.



Erster Schritt in eine neue Arbeitswelt

In Zeiten mannigfaltiger Videokonferenz-Formate und räumlich verteilter Projektteams ändern sich grundlegende Strukturen der Arbeitswelt: Keine lästigen Präsenz-Meetings und kein im-Stau-stehen mehr, dafür bequem mit viel Freiraum und Eigenverantwortung in Jogginghose zuhause arbeiten und sich in der Mittagspause den Döner mit extra Knoblauchsoße gönnen, weil es ja keine Kollegen stört – Homeoffice scheint auf den ersten Blick für Mitarbeiter attraktiv, aber insbesondere für Unternehmen bringt es vor allem Vorteile mit sich: Sie sparen Bürokosten, verzeichnen eine durch flexibles Arbeiten gesteigerte Produktivität und zufriedenere Mitarbeiter, da diese ihre Work-Life-Balance besser gestalten können. Kurzum: Der klassische Arbeitsplatz mit starren Arbeitszeitregelungen und ständiger Büropräsenz entwickelt sich zum Auslaufmodell. Doch gelingendes Homeoffice ist kein Selbstläufer, sondern erfordert Umdenken, konzeptionelle Arbeit und viel Austausch zwischen Arbeitgebern, Führungskräften und Beschäftigten. Es braucht in Zukunft Leichtigkeit, viel Mut und Vertrauen zu überlegen, wie die bisherigen Erfahrungen sinnvoll und zukunftsgewandt genutzt werden können.


Digital naiv statt Digital Native

Doch solange viele Mitarbeiter noch damit überfordert sind, zuhause ihren Drucker ohne Support von Service oder IT-Abteilung ans Laufen zu bringen, sind wir von der viel geforderten „Digital Citizenship“ noch weit entfernt. Dabei fördert zuhause arbeiten (und leben!) in hohem Maße die digitale Alphabetisierung unserer Gesellschaft und der neuen Arbeitswelten. Bietet es doch dem Einzelnen die Möglichkeit, grundlegende digitale Kompetenzen, wie zum Beispiel den umsichtigen Umgang mit persönlichen und betrieblichen Daten, zu erlernen. Doch nicht erst seit Corona scheitern Unternehmen, bzw. die Gesellschaft an der Herausforderung, einem Großteil ihrer Belegschaft/ Bürger neue digitale und nicht-digitale Schlüsselqualifikationen zu vermitteln. Und dieses allgemeine „Nichtverstehen“ des Digitalen fördert eine Regulierungswut im Klein-Klein, anstatt der steigenden Komplexität und Nichtplanbarkeit unserer (Arbeits-) Welt mit angemessenen Vereinbarungen zu begegnen.


Arbeitgeber wird zum Auftraggeber

Im Homeoffice werden wichtige Weichen für die Zukunft der Arbeit in einer modernen, digitalisierten und globalisierten Gesellschaft gestellt. Und Antworten auf die Frage gefunden, wie das zukünftige dezentrale und dennoch gemeinsame Arbeiten gestaltet werden kann. Die Erfahrungen, die jetzt gemacht und gesammelt werden, sind die Basis für Transformationsprozesse und agile Organisationsentwicklungen.


Wem es remote im Homeoffice gelingt, sich selbst zu organisieren und mit großem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten spannende Projekte zu realisieren, hat sich bereits auf den Weg in neue Arbeitswelten und ein flexibles, hierarchiefreies Arbeiten im Sinne von New Work gemacht. Und wird kaum wieder in traditionelle Arbeitsverhältnisse zurückkehren wollen – ganz im Gegenteil: Nach Homeoffice kommt Workanywhere. Dies ist mit mannigfaltigen Herausforderungen und dem Abschied bewährter Vorstellungen/ Werte verbunden. Unternehmen, insbesondere Recruiting und HR, müssen umdenken und sich elementare Fragen stellen: Wie kann die Mitarbeiterbindung aus dem Homeoffice gelingen, wie kann remote Personalentwicklung gestaltet und Führung neu definiert werden? Wie positioniere ich mich als attraktiver Arbeitgeber auf dem Markt, wenn ich in Zeiten von Homeoffice nicht mehr mit schicken Büroräumen, flottem Firmenwagen, guter Arbeitsatmosphäre und veganen Smoothies in der hippen Caféteria punkten kann? Und der Mitarbeiter letztlich mehr oder weniger entscheiden kann, für welche Unternehmen er arbeiten möchte, da dies in Zukunft ja sowieso überwiegend in räumlich unabhängigen sowie zeitlich begrenzten Projekten und flexibel zusammengesetzten Teams geschieht – und der Arbeitgeber quasi zum Auftraggeber wird.


Vertrauen als Schlüsselfaktor

Generell gilt: Eine gute Mitarbeiterbindung aus dem Homeoffice kann nur gelingen, wenn Vertrauen, Individualität, Wertschätzung, eine offene Kommunikation, gelebte Fehlerkultur und transparente Prozesse fest in den Unternehmenswerten verankert sind. Wenn beim Mitarbeiter Ängste, Unsicherheit, Überforderung (aber auch Bequemlichkeit) überwiegen, wird Homeoffice nicht als Chance, sondern Belastung empfunden – und sowohl die Leistung als auch Identifikation mit seinem Job und Arbeitgeber spürbar nachlassen.

 

Verbindung halten und Mehrwerte schaffen

Um mit ihren Mitarbeitern in Verbindung zu bleiben, sind Unternehmen gefordert, soziale Kontaktmöglichkeiten zu schaffen, Orientierung zu geben und den Zusammenhalt zu fördern – mit dem Wissen, dass bei Remote Work Motivation, Teamgeist und Teambuilding grundsätzlich anders funktionieren. Feste digitale Termine für regelmäßige 4-Augen-Feedbacks und Team-Meetings sowie gemeinsame virtuelle Pausen oder Lunch-Verabredungen schaffen Raum für privaten Austausch. Aber ergänzend dazu spielen auch Bürotage, an denen möglichst viele Kollegen „real“ anwesend sind, eine wichtige Rolle, insbesondere beim Onboarding-Prozess, bzw. der Einbindung neuer Mitarbeiter.Wenn klassische Benefits wie zum Beispiel flexible Arbeitszeiten, moderne Arbeitsmittel oder freiwillige Zusatzleistungen wie Kinderbetreuung und kostenloses Kantinenessen wegfallen, stellt sich die Frage, wie auch im Homeoffice interessante Mehrwerte geboten werden können. Gerade mit Blick auf die Mitarbeiterentwicklung bieten sich hier mit E-Learning und Webinaren viele Möglichkeiten. Denn interessante Aufgaben, spannende Projekte und die permanente persönliche Weiterentwicklung – und damit die Chance, einen wichtigen Beitrag fürs Unternehmen zu leisten – werden für den Arbeitnehmer der Zukunft immer wichtiger: Dieser verlangt keinen 9-to-5-Job, sondern Entfaltungsmöglichkeiten in einem Umfeld, in dem er auf Augenhöhe partizipieren und sein Wissen teilen kann.

 

Remote Leadership und hybride Führung

Welche Rolle spielt da überhaupt noch die Führungskraft, wenn sich deren Mitarbeiter zunehmend aus der Präsenz-Kultur verabschieden? – Sie wird Mentor, Berater und Coach für effektives, kreatives und effizientes Arbeiten/Wirken unabhängig vom Arbeitsort. Ob Wien, Stuttgart oder Korfu – völlig egal: Die Führungskraft der Zukunft ist in der Lage, Unternehmensziele und persönliche Bedürfnisse der Mitarbeiter über Distanzen zu „managen“ und zugleich auf Teambuilding zu achten – sowohl virtuell als auch im realen Leben. Führung wird indirekt, sie begleitet die wachsende Eigendynamik, synchronisiert Aktivitäten und gibt Ausrichtung – durch die Definition von Rahmenbedingungen sowie der Vermittlung von Sinnzusammenhängen. Entscheidender Erfolgsfaktor für die hybride Führung ist der Aufbau einer persönlichen Beziehung, die von Empathie, Vertrauen und Wertschätzung geprägt ist.Remote Leadership stellt die Wirksamkeit vieler bislang vertrauter Führungsinstrumente in Frage: Linienhierarchie, Zielemanagement und Controlling werden ersetzt durch flexible Organisation in dezentralen Teams, deren Unterschiedlichkeit gefördert wird. Ganz wichtig sind dabei kommunikative Fähigkeiten, bzw. die „Kunst“, virtuelle Teams und (ergebnisoffene!) Projekte zu moderieren.

 

Vom Befehlsempfänger zum Selbstmanager

Aber auch die Mitarbeitenden selbst benötigen elementare Skills, um in Zukunft erfolgreich dezentral arbeiten zu können. Durch die Tätigkeit in projektorientierten Teams erfolgt Kooperation, Kollaboration und Netzwerken über alle Stufen hinweg mit unterschiedlichsten Partnern aus diversen Disziplinen und ganz unterschiedlichen Fähigkeiten – was eine völlig neue Reflektion über das eigene Tun und seine persönliche Rolle mit sich bringt.Der an seiner Wirksamkeit/ seinem Beitrag gemessene Mitarbeiter wird in den nächsten Jahren immer mehr damit konfrontiert werden, seine Stärken und Fähigkeiten an das sich permanent verändernde „Umfeld“ anzupassen. Insbesondere auch vor dem Hintergrund, dass klassische „lebenslange“ Beschäftigungsverhältnisse in Zukunft nicht mehr die Regel sein werden, ergeben sich aus der digitalen Arbeitswelt elementare Anforderungen an Digital Citizenship sowie Technological und Organisational Skills:  Neben grundlegenden digitalen Kompetenzen und dem Beherrschen effektiver digitaler Zusammenarbeit wird die Interaktion mit Künstlicher Intelligenz sowie die Fähigkeit zur Datenanalyse-/ Interpretation immer bedeutender.Entscheidend ist jedoch das richtige Mindset: Gefragt sind unternehmerisches Handeln und Eigeninitiative, die Fähigkeit zu Selbstorganisation, Durchhaltevermögen, Selbstdisziplin und vor allen Dingen Vertrauen in die eigene Wirksamkeit.

 

Firmengebäude als Ort der Inspiration

Auch das Firmengebäude der Zukunft muss räumlich und funktional neu gedacht werden, wenn immer mehr Beschäftigte nicht mehr (dauerhaft) in Büropräsenz, sondern effektiv von Zuhause aus arbeiten. Welchen Mehrwert kann die Fahrt in die Firma überhaupt noch bieten? – Statt grauer Multifunktionsbüros können bunte, exemplarische Arbeitswelten entstehen, in denen die Mitarbeiter vor allem Inspiration und Kollaboration erleben. Das Arbeitsumfeld in der Firma dient zugleich als Inspiration, um sein privates (Arbeits-) Umfeld zu gestalten. Warum nicht mal ein entspanntes Meeting mit den Kollegen auf der eigenen Terrasse organisieren?Immer mehr Unternehmen erkennen zudem, dass die Vorteile des mobilen Arbeitens nicht nur in den eigenen vier Wänden realisiert werden können. Neue Konzepte für eine flexible, mobile Wahl des Arbeitsortes – auch in näher am Wohnort gelegenen firmeneigenen Büros außerhalb der großen Firmenstandorte – sind bereits in Planung.

 

Wechsel von Distanz und Nähe

Klar ist: Die Erfahrungen aus den Corona-Lockdowns werden die Arbeitsweise von morgen massiv beeinflussen. Hier gibt es kein entweder-oder, sondern ein sowohl-als-auch. Und es gibt keine Blaupause und keine für alle passenden Lösungen – vielmehr geht es darum, verschiedene, alternierende Möglichkeiten anzubieten, damit Arbeit im Wechsel von Distanz und Nähe gelingen kann. Dazu benötigen sowohl Führungskräfte als auch Mitarbeiter Unterstützung und Weiterbildung in puncto digitaler/ virtueller Skills und damit Kompetenzen des Digital Leaderships.Doch sicher ist auch, dass diese Form des Arbeitens nicht für alle Unternehmen und Beschäftigte passt: Es wird auch in Zukunft weisungsverliebte Führungskräfte und Instruktions-abhängige Mitarbeiter in klassisch geführten, erfolgreichen Organisationen geben. Aber für alle, die sich im Homeoffice bereits auf den Weg in neue Arbeitswelten – und ein selbstorganisiertes, flexibles, eigenverantwortliches und sinnhaftes Arbeiten – gemacht haben, ist der Weg vorgezeichnet. Sie sind fit für eine vielfältigere, dezentrale Arbeitswelt, die zudem mehr Chancen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bietet:  Nach dem Homeoffice kommt Workanywhere. Dazu müssen Unternehmen und Gesellschaft wirkliche Transformation anstoßen und neue Bewertungsmaßstäbe für das Arbeiten der Zukunft etablieren.


Autoren:

Martina Brückner, freie Journalistin in Esslingen (www.brueckner-pressebuero.de) und Markus Stelzmann, Regisseur bei TELE Haase in Wien, haben sich in bester virtueller Co-Working Kollaboration gemeinsam Gedanken über die Komplexität des digitalen Wandels in der Arbeitswelt gemacht – selbstverständlich im Homeoffice.

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